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Schottland 1998
 


Von München gins’s  am 30. Juni 1998 mit dem Autoreisezug über Nacht nach Hamburg. Da die Admiral of Scandinavia, eine Fähre der Scandinavian Seaways zwischen Hamburg und Newcastle, erst am späteren Nachmittag ablegte, hatten wir Zeit, die St. Pauli-Landungsbrücken, die Außen- und die Binnenalster, die Alsterarkaden, das Rathaus und den Schwabenmarkt sowie die Speicherstadt, den ältesten Lagerhaus­komples der Welt, zu bestaunen.

Nach 23 Stunden auf ruhiger See landeten wir am frühen Morgen des 2. Juli in New­castle, England. Auf der Autobahn, die um die Stadt führt, trafen wir alle paar Kilometer auf einen Kreisverkehr. Wie man ihn im Uhrzeigersinn befahren muss, zeigten uns die wenigen anderen Verkehrsteilnehmer vor. Beim Linksfahren hatten wir anfangs schon ein sehr mulmiges Gefühl. Beim Rechtsabbiegen wäre es fast einmal eng geworden, doch der vorschriftsmäßig auf der linken Straßenseite fahrende Autolenker reagierte gut und belächelte uns Touristen vom Continent.

Am 1. Tag ließen die einsamen Strässchen, das schöne Wetter, die sanften, grünen Hügel usw. unsere Herzen höher schlagen. Wir folgten ein Stück dem Hadrian’s Wall. Er bildete im 2. Jh. n. Chr. die nördlichste Grenze des Römischen Reiches. Auf seinen kläglichen Überresten trampeln heute respektlos die Schafe herum.

In Dumfries, Schottland, wurden wir im Hazeldean Guest House von Wilma Harper überschwänglich herzlich empfangen und äußerst nobel untergebracht. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass alle Schotten so freundlich sind. Die Offen­herzigkeit dieses Volkes war ein wesentlicher Beitrag zum Erfolg dieser Urlaubsreise.

Am nächsten Morgen entdeckten wir eine der beeindruckendsten Ruinen: Sweatheart Abbey, die großartig erhaltenen Überreste einer Zisterzienserabtei aus dem 13./14. Jh. Während ich die Mauern aus der Nähe betrachtete, machte es sich Peter auf unserer BMW K 1100 LT im Schatten eines riesigen Baumes bequem. Der „Pförtner“ wollte der Faulheit auf den Grund gehen. Es stellte sich heraus, dass er einige Zeit in Innsbruck studiert hatte und ein wenig deutsch kann. So erzählte er draußen auf dem Parkplatz die Geschichte der Abbey und über die Pflege der zahllosen geistlichen und weltlichen Steinhaufen durch den Staat.

In Schottland findet man tatsächlich alle paar Kilometer ein bewohntes oder unbewohntes Schloss. Die meisten Schlösser kann man gegen eine Gebühr von 2 bis 5 Pfund besichtigen. Auf jeden Fall sehenswert sind die Gärten und Parks sowie die zumeist äußerst imposanten Zufahrten.

In Inverary am Loch Fyne sind das Inverary Jail, in dem die Geschichte des Strafvollzuges auf lebendige Weise sehr originell dargestellt ist, Inverary Castle und das idyllische Städtchen selbst sehenswert.

Unser nächstes Quartier bezogen wir in Oban, das als das Tor zu den den Hybriden den Beinamen „Gate to the Isles“ trägt. Nach nächtlichem Regen genossen wir am nächsten Morgen ein traumhafter Ausblick auf den Hafen. Wir brachen wieder früh auf, um die weitere Umgebung zu erkunden.

Das Glenfinnan Monument erinnert an die Schlacht im Culloden Moor, in der die Schotten eine vernichtende Niederlage erlitten. Es steht auf einem kleinen Hügel einsam in der Landschaft. Von der Spitze des Turmes blickt ein Highlander aus Stein traurig in die Ferne.

In Strontian kauften wir in einem urigen General Store ein, bei dem man vom Reiverschluss bis zum Benzin alles bekommt. Billig sind in Schottland lediglich die Fähren. Und Brückenmaut müssen Motorräder überhaupt keine berappen. Im Gegensatz dazu kostet eine Dose Bier sogar im Supermarkt zwischen 2 und 3 Pfund.

Das Rannoch Moor ist das größte Hochmoor Schottlands. Hitchcocks Frauenmörder muss hinter einem der Hügel stecken - die Phantasie kann einem hier schon mal durchgehen ...

Auf Kintyre waren wir besonders neugierig. Cat Stevens hat die Halbinsel in seinem Lied „Mull of Kintyre“ verewigt - nicht zu unrecht, wie wir bei Postkartenwetter feststellten.

Immer wieder begegneten wir auf den Single Track Roads am Straßenrand grasenden Schafen, die das Bankett perfekt pflegen. In den Highlands trafen wir jedoch einen ganzen Tag lang nur einen einzigen Hirten auf einem Quart, der mit 2 Boarder Collies eine Herde vor sich her trieb. Er hatte an diesem Tag wohl noch keinen Menschen zu Gesicht bekommen, denn er begann ein Gespräch mit der Entschuldigung, dass wir anhalten mussten.

Natürlich wollten wir nicht die einzigen Schottlandtouristen sein, die das wohl meist­fotografierte Schloss Eileen Donan Castle nicht besuchen. Der Himmel war wolkenverhangen und die Stimmung düster - so stellt man sich die Highlands vor.

Ein Schloss sahen wir uns auch von innen an: Dunrobin Castle. Schlichtweg beeindruckend. Das Schloss ist seit 800 Jahren von den Sutherlands bewohnt. Der Earl of Sutherland ist der 4.-größte Landbesitzer. Die 50.000 ha sind jedoch lediglich 1/10 dessen, was die Famlie vor 100 Jahren besaß. Sutherland ist mit 2,5 Einwohnern pro km² die einsamste Grafschaft der Highlands. Bis zur entscheidenden Schlacht im Culloden Moor 1746 wohnten 60 % der Bevölkerung in den Highlands!

Loch Ness war eine Enttäuschung. Das Geheimnis schläft wohl tief im See inmitten einer eintönigen Landschaft. Kein Wunder, dass Nessie so gut wie nie an die Oberfläche kommt.

Anfang des 19. Jh. wurde der 97 km lange Kaledonische Kanal mit 29 Schleusen als Verbindung der Seen Loch Ness, Loch Oich, Loch Lochy und Loch Linnhé gebaut. In Fort Augustus am Südzipfel von Loch Ness sind eine 5-stufige Schleusentreppe und die Fort Augustus Abbey, ein Benediktiner Kloster, touristische Attraktionen. Als wir ankamen, fanden gerade Highland Games statt, bei denen sich die Schotten im Dudelsackblasen, Tanzen, Tauziehen, Steinestoßen, Hammerwerfen, Gewichte­schleudern und Baumstammwerfen messen. Leider gönnten wir uns keinen längeren Aufenthalt, um dem Schauspiel beizuwohnen.

Die Highlands waren einst die Heimat der Clans, heute ist es die Heimat der Schafe und einiger Großgrundbesitzer. Das Märchenschloss Cawdor Castle ist seit seiner Erbauung 1370 Heim der Adelsfamlie Cawdor. Im angrenzenden Wildblumengarten wachsen faust­große Disteln, die Nationalblume Schottlands. Im Wildpark stehen Jahrhunderte alte Mammutbäume. Hier ist einfach alles riesig.

Fort George wurde nach der Schlacht im Culloden Moor errichtet. Es ist eine der hervorragendsten Artilleriefestungen Europas. Man kommt sich wie in einem Computer­spiel vor.

Selbstverständlich erkundeten wir auch ein Stück des Whisky-Landes. Das hervorragende Wasser der Flüsse bildet die Grundlage für das Gerstengebräu. Es existieren noch rund 100 Brennereien, die Glenfiddich Destillery ließ uns in die Töpfe gucken und einen Schluck Whisky verkosten. Der Marktwert des in Schottland gelagerten Whiskys ist angeblich höher als alle Goldreserven Großbritanniens zusammen.

Queen Victoria verliebte sich 1848 in Balmoral Castle und die Landschaft. Sie machte es zum Sommersitz der Königsfamilie. Da die Queen erst im August hierher kommt, durften wir die Parkanlagen besichtigen.

Nach der letzten Eiszeit war Schottland fast vollständig bewaldet. Durch Nutzung und klimatische Verhältnisse entstand diese Heide- und Moorlandschaft. Der Zauber der Highlands ist also eine Folge perfekter Landzerstörung. Mitte August beginnt die sonst rostbraune Landschaft in Rot- und Violetttönen zu erstrahlen - das Heidekraut blüht.

Äußerst beeindruckend ist auch das Wallace Monument in Sterling, von dessen Aussichtsturm man einen grandiosen Ausblick über die Stadt und auf die Grampions, das Wilde Land, hat.

Edinburgh Castle war einst Residenz der schottischen Könige und Königinnen. Es thront mächtig über der Stadt auf einem seit 5000 Jahren besiedelten Vulkanfelsen. Heute ist es durch die vielen Zubauten eine Mischung aus Palast, Kaserne, Kapelle und Denkmal und beherbergt die schottischen Kronjuwelen.

Wir besuchten auch das älteste noch bewohnte Schloss Schottlands, Traquair House, das angeblich 27 Regenten beherbert hat.

Die Schotten wurden in der Vergangenheit gnadenlos von englischen Truppen verfolgt und vernichtet. Diese Tatsache trübt auch heute noch das Verhältnis zu den Engländern.

Leider war die Fähre schon gebucht, und wir mussten am 17.7.1998 die Heimfahrt mit der Prince of Scandinavia antreten. Am nächsten Morgen empfing uns Hamburg bei strömendem Regen. So mieses Wetter hatten wir während unseres gesamten Schottlandurlaubes nicht!

Ich kann die Vielzahl der Eindrücke gar nicht wiedergeben. Das Resumee: Es war mein schönster Urlaub. Eine individuelle Reise abseits der Touristenzentren über die zahllosen Single Track Roads können wir nur wärmstens empfehlen! Schottland wird uns eines Tages wiedersehen bei hoffentlich ebenso schönem Wetter!