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Steil
ist geil - Madeira 16.4. - 23.4.2001
Reisebericht von Ingrid und Peter
Am
Montag krochen wir um 1 Uhr früh aus den Federn. Bereits um
2 Uhr waren wir auf der fast menschenleeren Autobahn unterwegs.
So wenig Verkehr hatten wir auf der Südosttangente auch noch
nicht erlebt. Also werden auch in Wien die Gehsteige in der
Nacht hochgeklappt - nicht nur in St. Pölten, wie böse Zungen
behaupten. Außer unserem hob um diese Zeit kein anderes Flugzeug
ab. Es gab also keinen Stress und keine Drängelei, obwohl
wir gemeinsam um 4 Uhr 45 mit einer Gruppe Pensionisten von
Moser-Reisen in die Lüfte stiegen.
Gelegentlich
sahen wir aus dem Fenster, um die schwach erleuchteten Orte
tief unter uns zu erahnen. Es war also Zeit um den Reiseführer
zu studieren: Die Insel wurde 1419 von dem portugiesischen
Seefahrer Zarco entdeckt. Madeira liegt 900 km südwestlich
von Lissabon und rund 600 km von der afrikanischen Küste entfernt
und gehört zu Portugal. Es ist praktisch die Spitze eines
Gebirges, dessen Flanken unter Wasser bis in eine Tiefe von
4000 m abfallen, wobei der Norden wesentlich steiler ist als
der Süden. Entsprechend steil und kurvenreich sind daher die
Straßen auf der Insel. Fast in der Mitte teilt der Encumeada-Pass
die Gebirge, deren höchste Gipfel vulkanischen Ursprungs sind
und über 1800 m reichen, in einen östlichen und einen westlichen
Teil. Die Insel ist ca. 60 km lang und 20 km breit, hat einen
Umfang von rund 150 km und eine Fläche von 740 km². „Na, ob
wir da nicht Acht geben müssen, damit wir nicht runterfallen“,
dachten wir.
Außer
Portugal war auch England entscheidend für die Entwicklung
Madeiras. Schon früh kamen bis heute berühmte britische Familien,
um den Weinhandel voran zu treiben. In der Folge reisten die
Engländer vor allem im Winter in Scharen nach Madeira und
begründeten so um die Mitte des 19. Jahrhunderts den Tourismus,
der schnell zur wichtigsten Einnahmequelle wurde. Zu den berühmtesten
Ausspannern gehörte Englands Premierminister Sir Winston Churchill,
der ab 1949 immer wieder ins Fischerdorf Câmara de Lobos zum
Malen kam. Der Durchbruch gelang allerdings erst in den 60er-Jahren
des 20. Jahrhunderts nach dem Bau der Flughäfen auf Porto
Santo und Madeira.
Für
meine Begriffe dauerte es ewig, bis endlich über Spanien die
Sonne aufging. Herrliches Wetter begrüßte den Morgen unseres
ersten Urlaubstages. Bald überflogen wir Porto Santo, die
Badeinsel des aus 8 Inseln bestehenden Madeira-Archipels (6 davon
unbewohnt, weil es kein Süßwasser gibt), und Augenblicke später
landeten wir auf dem erst im Oktober 2000 fertig gestellten
neuen Flughafen von Madeira. Bei prachtvollstem Wetter wurden
die Passagiere quer über das Flugfeld ins Flughafengebäude
gelotst. Auch hier war außer unserer Gruppe noch keiner unterwegs,
obwohl es schon 8 Uhr vorbei war. Eine sehr nette Rothaarige
von TUI empfing uns und wies uns einen Fahrer nach Funchal
ins Hotel Vila Ramos
zu.
Nachdem
wir das meerseitige Zimmer mit Balkon bezogen hatten, wurden
wir auch schon von einer netten Deutschen von Magos
Bike abgeholt. Wir nahmen die knallrote BMW 650 in Empfang
und brausten gleich über eine gut ausgebaute, kurvenreiche
Straße zum Pico do
Ariero, dem mit rund 1.800 m dritthöchsten Berg der
Insel. Am Parkplatz war Endstation. Bei Postkartenwetter wanderten
wir auf einem anfangs sogar gepflasterten Weg zu einem Aussichtsbalkon,
von dem wir rundum in tiefe Schluchten, zum höchsten Berg
Pico Ruivo
(1.862 m) und das Meer in der Ferne sehen konnten. Anschließend
gönnten wir uns auf der Terrasse des Restaurants ein Sandwich,
Bier und den ersten portugiesischen Kaffee.
Abends
machten wir uns auf den Weg in die City von Funchal. Das Essen
verdienten wir uns allerdings erst im Nachhinein auf dem rund
2,5 km langen Rückweg bergauf ins Hotel zurück. Heute lebt
rund die Hälfte der Inselbevölkerung in der Hauptstadt. Im
Gewirr der vielen Einbahnstraßen und Sackgassen kennen sich
nicht einmal die Einheimischen aus. Glücklicher Weise gibt
es für Fußgänger keine Einbahnregelungen!
Am
nächsten Morgen wurden wir mit einem fürstlichen Frühstücksbuffet
überrascht, das wirklich keinen Wunsch offen ließ. Die Attraktion
waren jedoch die Madeira-Bananen. Noch nie haben wir eine
so niedliche, intensiv schmeckende Banane gegessen! Sie wird
seit dem 16. Jahrhundert angebaut und wächst nur in den
tieferen Regionen um Funchal. Schon ab 300 m Höhe würde sie
keine Früchte mehr tragen, weil sie das ganze Jahr über gleichmäßiges
Klima braucht. Sogar im Winter - der kälteste Monat ist der
Februar - liegen die Temperaturen bei durchschnittlich 16°.
Im Sommer - August und September sind mit durchschnittlich
22° die wärmsten Monate - klettert das Thermometer selten
über 30°.
Der
Wettergott war uns auch am 2. Tag wohlgesonnen. Wir nahmen
die nächste Sackgasse ins Landesinnere in Angriff. Unser
Ziel war Curral das
Freiras, der Stall der Nonnen. Das Dorf wurde einst
von den Schwestern des Konvents Santa Clara als Zuflucht
vor den immer wieder einfallenden Piraten gegründet. Der Name
kommt von den unzähligen Ställen, die früher das Tal übersäten.
Der spektakuläre Talkessel ist nur über den 1000 m hohen Pass
Eira do Serrado erreichbar, von wo man einen beeindruckenden
Blick auf den abgelegensten Ort Madeiras hat.
Wir
fuhren die rund 16 km lange Strecke durch duftende Eukalyptus-
und Lorbeerwälder zurück. - Eine Spezialität auf Madeira
ist das Eukalyptusbonbon. - Das portugiesische Wort Madeira
bedeutet Holz. Der einst radikal abgeholzte Lorbeerwald und
Fenchel bildeten die ursprüngliche Vegetation Madeiras war.
Die
Reise ging in luftiger Höhe die Küste entlang über eine kurvenreiche
schmale Straße nach Calheta,
wo uns der Friedhof durch die grelle Blumenpracht anlockte.
Hier wachsen mehr oder weniger wild die schönsten Orchideen
und buntesten Blumen auf den Gräbern, die oft nicht einmal
durch ein Kreuz gekennzeichnet sind.
Am
nächsten Morgen entdeckten wir eine der so zahlreichen Levadas,
die angeblich insgesamt eine Länge 3000 km haben. Wasser
ist seit 1461 öffentliches Gut. Um das Wasser der ganzen Insel,
vor allem dem trockenen, flacheren Süden zugänglich zu machen,
legte man diese Kanäle an. Schon vor Jahrhunderten wurden
sie durch Hügel und an Felsen entlang geleitet. Man kann entlang
der meisten Levadas herrliche Wanderungen machen, weil fast
überall schmale Versorgungswege neben dem Wasser verlaufen,
weil die Kanäle ständig gewartet und gesäubert werden müssen.
Doch wir wollten die Insel vorerst auf dem Rücken unserer
BMW erkunden.
Die
Landschaft veränderte sich radikal, je weiter wir nach Osten
kamen. Die Halbinsel Ponta
de São Lourenço ist wahrscheinlich der trockenste
Punkt derInsel. Es fegten heftige Meereswinde über die bizarre
Felsenlandschaft. Hier gibt es den einzigen Sandstrand der
Insel, mit feinem schwarzem Lavasand. Wir stellten das Motorrad
am Ende der Straße ab und kämften uns dann per pedes einen
Trampelpfad entlang auf die andere Seite der Halbinsel vor.
Der Anblick des tosenden Atlantik, der gegen die den Wellen
trotzenden Felsen schäumte, war atemberaubend. Schweren Herzens
trennten wir uns von dem Naturschauspiel.
Wir
fuhren zurück nach Machico
und bogen dann nordwestlich auf verschlungenen Wegen nach
Santana ab. Hier findet man die traditionellen bunten Strohhäuser,
deren reetgedeckten Dächer bis zur Erde reichen. Da das Leben
in diesen Häusern sehr beschwerlich war, dienen sie nur noch
als Touristenattraktion.
Weiter
ging es über Ponta Delgada auf einer schmalen Straße, auf
die immer wieder kleine Wasserfälle plätscherten, nach São Vicente. Der Rückweg führte uns angesichts des fortgeschrittenen
Tages durch einen neuen Tunnel schnurstracks quer durch die
Insel nach Süden. Im Nu waren wir wieder in Funchal. Kaum
zu glauben, denn die alte Straße über das Hochplateau hätte
gewiss 1 Stunde in Anspruch genommen.
Abends
spazierten wir wie immer in die Stadt. Täglich färbte sich
die Allee der Hauptstraße mehr lila. Vor dem Casino Park Resort Hotel begegneten wir Sisi als Bronzestatue. Auch
sie hatte einst einen Winter in Madeira verbracht, was heute
noch vermarktet wird.
Am
nächsten Morgen hüllte sich das Hochland in Wolken. Wir beschlossen
daher, wieder durch den Tunnel zu den Grotten von São
Vicente zu fahren. Während es draußen regnete, machten
wir eine Führung durch die Lavablasen mit. Der Spaziergang
durch das Innere Madeiras hatte sich zweifach gelohnt: Es
war interessant und wir blieben trocken, denn der Himmel schloss
seine Pforten, als wir wieder ins Freie kamen.
Unser
Weg führte über Seixal
entlang der Nordküste über eine spektakuläre Straße
nach Porto Moniz,
das Touristen mit seinem Naturschwimmbecken anlockt, das durch
die natürliche Brandung des Atlantik gespeist wird. Im Gegensatz
zum dicht besiedelten Süden bleibt hier kaum Platz für Häuser.
Die schmale Straße hangelt sich - garniert mit einigen finsteren
Tunnels - an den senkrechten Felsen entlang. Unter uns toste
die Brandung des Atlantik, von oben plätscherten kleine Wasserfälle
auf die Straße. Diese kühne Trasse wurde erst in den 50er
Jahren in den Fels gehauen. Vorher war dieser Teil der Nordküste
unzugänglich.
Auf
der rund 100 km² große Hochebene Paúl da Serra („Gebirgssumpf“) auf 1.300 m Höhe verschluckte
uns der Nebel, und stürmischer Wind blies uns um die Ohren.
Unser Ziel wären die beiden spektakulärsten Wasserfälle Madeiras,
die Risco-Wasserfälle
gewesen, deren Wasser 100 m in die Tiefe stürzen. Wir waren
so erleichtert, als uns in Ponta
del Sol im Süden wieder Wärme und Sonne empfingen, dass
wir uns am späten Nachmittag in einem netten Restaurant an
der Küste einen köstlichen Espada, einen nur hier und in Japan
vorkommenden schwarzen Tiefseefisch, und traumhaft süßen frischen
Orangensaft genehmigten.
Der
Freitagvormittag war für einen Besuch des Mercado
des Lavradores, dem Bauernmarkt in Funchal reserviert.
Die Halle ist mit blauen Kacheln geschmückt, den sogenannten
Azulejos, die Motive
aus dem Leben der Bauern darstellen. Im Innern sind die Marktstände
auf 2 Stockwerken verteilt. Es geht zu wie auf einem Markt
in Südeuropa. Auf dem angrenzenden Fischmarkt lernten wir
die Espadas und
Thunfische hautnah kennen. Mit riesigen Macheten werden sie
von den Fischern zerlegt. Dieser Besuch war gewiss ein Höhepunkt
unseres Aufenthaltes in Madeira.
Nach
einem Spaziergang durch die Altstadt und natürlich einem Besuch
in einem Café fuhren wir nach Monte,
einem Villenvorort am oberen Stadtrand in rund 600 m
Höhe. Hier kann man mit Korbschlitten, die von einem Engländer
entwickelt worden waren und einst ein ernst zu nehmendes Verkehrsmittel
waren, 4 km in die Stadt hinunter fahren. In der Kirche Senhora
do Monte fand der letzte österreichische Kaiser, Karl
von Habsburg, seine letzte Ruhe.
Am
nächsten Tag fuhren wir noch einmal auf die Hochebene im Landesinneren.
Kaum hatten wir das Plateau erreicht, wurden wir wieder von
nassen Wolken eingehüllt. Der eisige Sturm vertrieb uns wieder
nach Süden. Diesmal erwischten wir eine kleine Straße, die
durch Eukalyptuswälder schnurgerade „zu Tal“ führte. Im 1. Gang
ließen wir die BMW hinunter rollen, um die bereits stinkenden
Bremsen zu schonen. So kann man wirklich nur bauen, wenn es
keinen Frost gibt! Wir bezweifeln, dass eine Schotterstraße
mit diesem Gefälle so ohne Weiteres zu bewältigen wäre.
In
Ribeira Brava
gönnten wir uns dann als Entschädigung für die Enttäuschung
in der warmen Sonne einen süßen Orangensaft. Auf dem Weg zurück
nach Funchal entdeckten wir vor Câmara
de Lobos auf dem Cabo
Girão, einer fast 600 m hohen, senkrecht ins
Meer abfallenden Steilküste, einen Aussichtspunkt. Der Ausblick
war atemberaubend. Links von uns lag in der Ferne Funchal,
unter uns das in der Sonne glitzernde Meer. Hier haben Menschen
mit Höhenangst nichts verloren!
Den
letzten Vormittag verbrachten wir noch einmal an der Ostküste
Madeiras. Wir suchten eine Parallelstraße zur Autobahn, die
von Ribeira Brava
bis zum Flughafen bei Santa
Cruz geht, um die unzähligen Monsterpfähle zu sehen, auf
die die Verlängerung der Landebahn errichtet wurde. Dann wollten
wir die Korbflechter in Camacha
besuchen. Doch die waren am Sonntagvormittag alle in der Kirche
und hatten kein Verständnis für uns dumme Touristen!
Leider
mussten wir „unsere“ rote BMW um 11 Uhr bei Magos
Bike wieder abliefern. Wir ließen uns in den Botanischen
Garten fahren. Die Insel im Atlantik ist ein ganzjährig
blühender Garten. Primavera
- der Frühling - ist hier keine Jahreszeit, sondern ein Dauerzustand.
Vor allem hier, 300 m oberhalb Funchals, gedeihen die schönsten
tropischen und subtropischen Pflanzen. Angegliedert sind der
Vogelpark mit Papageien und Kakadus und ein herrlicher Orchideengarten.
Es wachsen auf der Insel 760 Arten aus 112 Pflanzenfamilien.
Besonders die Strelitzie ist fast so etwas wie ein Markenzeichen
für Madeira, obwohl sie gar nicht zu den rund 20% der einheimischen
Arten gehört. Schließlich brachte uns eines der gelben Einheitstaxis
um 2.000 Escudos zurück ins Hotel am anderen Ende der Stadt.
Abends
schlenderten wir ein letztes Mal in den Hafen und besuchten
das Restaurantschiff Vagrant,
die ehemalige Yacht der Beatles. Es lässt sich hier ganz passabel
in sehr gemütlicher Atmosphäre speisen.
Den
letzten Vormittag auf der Insel verbrachten wir im nahe gelegenen
Qinta Magnolia, einem der wundervollen Parks Funchals.
Alles
in allem war diese Woche ein erholsamer Urlaub ohne Aufregungen.
Die Entspannung war allerdings weggeblasen, als wir in Wien
das Gepäck vom Förderband nahmen: Alle 3 Reisetaschen waren
beschädigt. Nach der Reklamation bei Lost & Found ging’s
dann endlich heim - mit einer leichten Verkrampfung in der
Magengegend - schließlich war meine Lieblingsreisetasche
zerfetzt.
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