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Im
Land der Tuaregs
Von
Thomas dem Wüstenfuchs
"Ihr
seit ja total verrückt, da kommt Ihr nie lebendig zurück."
So ungefähr war die Reaktion unserer Freunde als Hubert,
Werner, Sylvia und ich uns entschlossen hatten, einen Wüstentrip
nach Algerien zu starten. Heute weis eigentlich keiner mehr,
wie wir überhaupt auf die Idee gekommen waren, in ein
Land zu fahren, das ca 30 x so groß wie Österreich
ist und von dem so gut wie nichts bekannt ist.
Und so starten wir Mitte Februar aus dem tiefverschneiten
Österreich. Hubert und Werner mit ihrem Daihatsu Rocky,
Sylvia und ich mit unseren Motorrädern (XL 500), die
aufgrund der Wetterlage bis zur Fähre nach Genua mit
dem Anhänger gebracht werden.
Nach
24 Stunden Fahrzeit erreichen wir Tunesien. Doch auch hier
ist es sehr kühl und regnerisch, sodass wir mehrmals
unseren Regenanzug brauchen bis wir die Grenze Algeriens erreichen.
Nur sehr wenige Touristen finden den Weg in dieses Land und
so sind wir schon an der Grenze eine Attraktion für die
algerischen Zollbeamten. Grenzversicherung und Pflichtumtausch
sind obligatorisch, und wir warten fast 5 Stunden, bis wir
den ersehnten Stempel im Paß haben und weiterfahren
können.
Bereits
wenige Kilometer hinter der Grenze beginnt sich die Landschaft
rasch zu verändern. Die letzten Palmen und Sträucher
verschwinden und wir tauchen in die Dünen des Grand Erg
Oriental ein. Immer wieder ist die Straße vom Sand zugedeckt
und nur noch wenige Autos begegnen uns.
Wir erreichen die Oase El Oued, wo wir im örtlichen Hotel
übernachten. Unsere Fahrzeuge werden sicherheitshalber
in der Hotelgarage versperrt und trotzdem machen wir am nächsten
Morgen die ärgerliche Entdeckung, das man uns Benzin
aus dem Reservekanister geklaut hat.
Ein weiterer Fahrtag auf Asphaltstraßen nach Süden
folgt, dabei durchqueren wir riesige Erdölfelder und
erreichen Hassi Messaoud, das Erdölzentrum Algeriens.
Hier genießen wir nochmals die Annehmlichkeiten eines
Hotels bevor wir am nächsten Tag die erste Wüstenetappe
in Angriff nehmen: Eine aufgelassene Piste, die früher
als Versorgungsroute für inzwischen aufgelassene Bohrstellen
diente.
Sie führt 520 km durch den Rhourde el Baguel nach Deb
Deb, ohne Versorgungsmöglichkeit, verläuft teilweise
im Grenzgebiet zu Libyen und wird heute nur mehr durch das
Militär für Grenzpatrouillen benutzt. Anfangs ist
die Piste noch in gutem Zustand und wir kommen gut voran.
Doch die Schlaglöcher werden mehr und Sanddünen
überlagern die Piste. Während wir die Dünen
anfangs noch problemlos umrunden können, müssen
wir später immer weitere Umwege machen und die ursprüngliche
Piste verlassen. Dabei laufen wir Gefahr, diese aus den Augen
zu verlieren, was vor allem im Grenzgebiet zu Libyen gefährlich
ist. Der Sand ist weich und der Geländewagen versinkt
immer wieder in den Dünen.
Wir sind gerade wieder dabei, den Daihatsu aus dem Sand zu
befreien, als ein alter Lastwagen neben uns hält. Plötzlich
springen 5 bewaffnete Männer von der Ladefläche.
Sie umringen uns und halten ihre Kalaschnikows auf uns gerichtet.
Wir sind völlig überrascht und die Erinnerungen
an unsere Festnahme in Tunesien werden wieder wach. Die Männer
sehen die Furcht in unseren Gesichtern und werden freundlicher.
Es stellt sich heraus, das es sich um eine Grenzpatrouille
handelt, die nur unsere Pässe kontrollieren will. Wir
bieten ihnen Zigaretten an und wechseln ein paar Worte, bevor
sie ihre Fahrt wieder fortsetzen.
Nach
3 Tagen Piste haben wir bei der algerisch-libyschen Grenzstadt
Deb-Deb wieder Asphalt unterm Reifen. Wir durchqueren auf
unserer Fahrt nach Süden den Erg Bourarhet, ein kleines
Dünenfeld mit leuchtend orangem Sand, das zu einem Abstecher
in seine Dünen einlädt. Dabei bemerkt Hubert zu
spät, das er mit dem Wagen in ein Weichsandfeld geraten
ist und versinkt bis zu Bodenplatte. Alle Bemühungen
sind vergebens, das Fahrzeug da wieder rauszukriegen. So beginnen
wir die Ausrüstung zu entladen und zur Straße zu
schleppen, in der Hoffnung, den dann leichteren Wagen so zu
bergen. Doch wir schaffen nur wenige Meter und stecken wieder
bis zur Bodenplatte fest. Noch dazu schlitzt ein Sandblech
einen Reifen auf. Da hält ein algerischer LKW und der
Fahrer fragt, ob er uns helfen kann. Der Algerier setzt sich
hinters Steuer und was wir in Stunden nicht geschafft haben
erledigt er in zwei Minuten. Spielend fährt er den Wagen
aus dem Sandfeld. Er kann absolut nicht verstehen, warum man
mit dem Auto im Sand rumfährt, wenn doch eine Asphaltstraße
durch den Erg geht. Die einzige Entschuldigung die uns dazu
einfällt. "Wir sind Touristen". Wir bedanken
uns mit einer kleinen Flasche Schnaps und bevor er seine Fahrt
fortsetzt, meint er noch schmunzelnd: "Nicht das Fahrzeug
ist das Problem, nur der Fahrer...."
Wir
erreichen die Oase Illizi und wollen in der örtlichen
Jugendherberge übernachten, wo wir mit dem nächsten
Problem in Form eines überzeugten islamischen Fundamentalisten
konfrontiert werden. Männer und Frauen müssen in
getrennten Räumen schlafen. Allerdings verfügt die
Herberge nur über einen 40-Betten Schlafsaal und so erscheint
uns seine Forderung etwas unlogisch. Wir müssen ihn lange
überzeugen, bis er einwilligt, das wir zu viert in diesem
"Zimmer" übernachten dürfen.
Ab
Illizi sind die Asphaltstraßen zu Ende und nur noch
Pisten führen nun weiter in die Zentralsahara. Ab hier
besteht auch Meldepflicht für die Weiterreise nach Djanet,
eine der südlichsten Oasen Algeriens, die im Grenzgebiet
zu Libyen und dem Niger liegt. Die Behörden stellen eine
schriftliche Genehmigung aus, nachdem sie sich überzeugt
haben, das unser Fahrzeuge für diese 420 Wüstenkilometer
tauglich sind. Diese Genehmigung ist wichtig für Kontrollen
unterwegs und unerlässlich um in Djanet Treibstoff für
die Weiterfahrt zu erhalten.
Nun
wird es ernst. Eine kurvenreiche Wellblechpiste führt
auf das Plateau de Fadnoun, einer Hochebene auf 1500 m Seehöhe.
Hier fühlt man sich wie im Vorzimmer zur Hölle und
trotzdem ist der Anblick dieser bizarren Landschaft überwältigend.
Hügel hinter Hügel aus schwarzem, groben Geröll,
ausgewaschenen Gräben und scharfkantigen Felsstufen,
kein Baum oder Strauch - eine richtige Mondlandschaft. Orientierungsschwierigkeiten
gibt es auf der engen und zerfurchten Piste mit den spitzen
Steinen nicht, sie stellen jedoch eine Herausforderung an
Mensch und Fahrzeug und erlauben nur niedrige Geschwindigkeiten.
Für die 130 km über dieses Plateau brauchen wir
einen ganzen Tag und sind überwältigt als wir am
Ende der Hochebene an einem eindrucksvollen Felsabbruch stehen.
Es gilt eine steile Abfahrt mit fast 300 Höhenmetern
zu überwinden , bevor wir unser Nachtlager am Fuße
des Abbruchs aufbauen. Die Nacht ist so hell und klar wie
man es bei uns nicht kennt. Keine Abgase, keine Luftverschmutzung
die den Sternenhimmel trüben. Wir befinden uns hier am
Wendekreis des Krebses und die Nacht ist so hell, das man
ohne Taschenlampe Zeitung lesen kann.
Am
nächsten Tag passieren wir Fort Gardel - eines von vielen
verlassenen Forts am Pistenrand, die noch an die Zeit der
Besatzung durch die französische Fremdenlegion erinnern.
Nun folgen wir einer Piste, über die auch schon die Rallye
Paris - Dakar führte, in einen der schönsten Teile
der Sahara. Wir erreichen die beeindruckende Felslandschaft
des Tassili n`Ajjer. Wie Burgen und Felsruinen thronen massive
Gesteinsbauten auf hohen Kuppen und Geröllhügel.
Von weitem schauen die Silhouetten wie Bergschlösser
mit Zinnen und Türmen aus. Markant heben sich diese schwarzen
Gebilde vom hellen Saharasand ab. An Felswänden findet
man jahrtausend alte Felszeichnungen, die davon zeugen, das
die Wüste einmal fruchtbare Savanne mit Elefanten und
Giraffen war. Ich bewundere diese Felsformationen so sehr,
das ich das große Loch in der Piste übersehe und
mit 80 Sachen hineindonnere. Der Vorderreifen bleibt stecken
und ich fliege in hohem Bogen über den Lenker. Zum Glück
lande ich im Wüstensand relativ weich und trage keine
ernsteren Verletzungen davon. Nur der Lenker ist leicht verbogen
und so kann ich die Fahrt problemlos fortsetzen.
Nach
mehr als 5200 km Fahrt erreichen wir den südlichsten
Punkt unserer Reise - die Oase Djanet. Nach der obligatorischen
Meldung bei der Polizei suchen wir das einzige Hotel der Oase
auf um hier 2 Tage auszuspannen. Djanet hatte lange Zeit strategische
Bedeutung gegenüber Eindringlingen aus Libyen und Niger.
Wir werden von den Einheimischen schmunzelnd begutachtet als
wir zu Fuß die Oase erkunden. Es ist Ende Februar und
auch in der Zentralsahara ist Winter. Es hat hier "nur"
30 C° und die Einheimischen haben dicke Jacken an, während
wir in kurzen Hosen herumlaufen. Am Abend trifft eine Salzburger
Expeditionsgruppe im Hotel ein und wir verbringen einen lustigen
Abend mit ihnen. Eigentlich wollten wir unsere Reise Richtung
Westen nach Tamanrasset fortsetzen, doch wir erfahren von
ihnen, das es auf der Piste dorthin in den letzten Tagen zu
zwei Überfällen auf Touristengruppen gekommen war
- die ersten Anzeichen der Veränderungen im Land. So
entschließen wir uns die gleiche Strecke nach Illizi
zurückzufahren. Wir erreichen die Oase auch ohne Probleme
und setzen unsere Fahrt nach Norden auf Asphaltstraßen
fort.
Dabei passiert uns etwas, das Saharafahrern eigentlich nicht
passieren sollte. Die Distanz von einer Oase mit Tankstelle
bis zur nächsten beträgt 370 km. Die Reichweite
einer Tankfüllung unserer Fahrzeuge reicht für 400
km und so verzichten wir darauf, Benzinreserven im Kanister
mitzunehmen. Wir bedenken nicht die schlechtere Qualität
des Treibstoffes und müssen noch dazu mehr als 100 km
über eine Ebene mit starkem Gegenwind zurücklegen.
Und so geht uns ca 30 km vor der nächsten Tankstelle
der Benzin aus und wir stehen mitten in der Wüste. Wir
müssen einige Zeit warten, bis ein LKW am Horizont auftaucht.
Sylvia und ich fahren mit 2 Kanistern mit, während Hubert
und Werner bei den Fahrzeugen bleiben. Es ist bereits dunkel
als wir in der Oase ankommen. Wir füllen die Kanister
und machen uns auf die Suche nach einer Mitfahrgelegenheit
zurück. Doch in der Nacht fährt in Afrika kaum jemand
(wegen der vielen Schlaglöcher) und so dauert es bis
10 Uhr abends als ein Sammeltaxi an der Tankstelle hält.
Der Fahrer willigt ein, das einer von uns mitfahren darf.
Sylvia bleibt alleine zurück und ich quetsche mich mit
7 Arabern in einen alten Peugeot. Laut kreischende Musik und
der Qualm der einheimischen Zigaretten im unerträglich
heißen Auto machen die Fahrt zu einem unvergesslichen
Erlebnis. Ich bin froh, als ich wieder aus dem Wagen komme
und erleichtert, als wir Sylvia um Mitternacht von der Tankstelle
abholen.
Mehrere
Tage dauert unsere Fahrt durch die endlos scheinenden Weiten
Algeriens bis wir endlich wieder die Grenze nach Tunesien
passieren. Wir fahren bis Hammamet, wo wir in den letzten
Tagen unserer Reise alle Annehmlichkeiten eines touristischen
Zentrums genießen. Algerien ist ein fundamentalistisch-islamisches
Land und in keiner Weise auf Tourismus eingestellt. Die wenigen
Hotel sind spartanisch eingerichtet und nur für arabische
Reisende ausgelegt - kein warmes Wasser bei den Duschen, kein
Swimming Pool, keine Bars, kein Alkohol, keine Musik und nur
einfache Gerichte in den Restaurants.
Vor allem das kühle Bier ist uns oft abgegangen - und
in diesen letzten beiden Tagen konnten wir bei weitem nicht
so viel davon trinken, wie wir uns auf dieser insgesamt 10.500
km langen Tour verdient hätten.
Hinweis:
Diese Tour fand noch vor der Zeit des blutigen Bürgerkrieges
zwischen der Regierung und der islamischen Heilsfront FIS
statt. Nach heutiger Lage im Land wäre von dieser Tour
dringest abzuraten.
Erst im Februar dieses Jahres wurden 4 Touristen im Süden
des Landes ermordet.
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Markt
in El Oued
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Die
unendlichen Weiten der algerischen Sahara
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Ein
versandeter Brunnen als Orientierungspunkt
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Immer
wieder versinkt das Motorrad im weichen Sand
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Sylvia
kocht am Benzinkanister ihr Abendessen
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Nachtlager
in der Wüste
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Straße
durch die Dünen des Erg Oriental
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Verlassenes
Fort der Fremdenlegion in den Dünen
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Zwei
wilde Kamele in der Wüste
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Mühselig
wird der Jeep wieder flottgemacht
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Oft
kann man die Straße nur mehr erahnen
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Ein
einsamer Motorradparkplatz
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Der
Vorhof zur Hölle: Am Plateau de Fadnoun
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In
der Zentralsahara
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Kettenwurf
bei der Honda
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